Presse

Große Kunst vor kleinen Klinkern

Zwei Kunststudenten organisieren eine Schau mit 26 Künstlern aus ganz Deutschland

Eine spannende Sache beginnt heute Abend in der Sonderwerkstatt auf dem Eurobahnhof. Zwei Kunststudenten organisieren hier die vielleicht größte private Schau von Künstlern, die zudem meist mit dem Saarland verbunden sind. 26 Künstler stellen aus.

Saarbrücken. Die eine Wand der großen Halle ist schon fertig bestückt. Jetzt stehen Alexander Minor und Johannes Lotz in der Sonderwerkstatt auf dem Eurobahnhof-Gelände und blicken grübelnd auf die vielen kleinen Malerei-Formate vor sich auf den Boden. „Die wollen wir in einer Petersburger Hängung an die Wand bringen“, erläutert Minor.

Viel Zeit zu überlegen, wie sie zig Arbeiten von verschiedenen Künstlern an der zweiten Wand anordnen, haben die beiden Jung-Kuratoren nicht mehr. Denn am heutigen Freitagabend ist Vernissage.

Es ist eine große, spannende Sache, die zwei Kunststudenten hier in Eigeninitiative stemmen: Alexander Minor von der Kunsthochschule Saar und Johannes Lotz, ein Saarländer, der in München studiert, wollen in der Sonderwerkstatt, der alten Industriehalle im Quartier Eurobahnhof, gleich neben dem KuBa, auf 700 Quadratmeter 26 bildende Künstler mit ihren Positionen vorstellen. Einige darunter sind wie Minor und Lotz selbst noch Studenten oder zählen wie Shila Khatami oder Katja Strunz auf dem Kunstmarkt zu aufstrebenden Talenten, andere wie etwa Francis Berrar, Axel Geis, Gunther Hildebrandt, Gustav Kluge, Katja Strunz, Georg Winter oder Gabriele Langendorff sind schon etabliert.

Als junger Künstler schenke einem das Publikum selbst in einer Galerie wenig Aufmerksamkeit, weiß Minor. Deshalb hat er mit „Step in the Arena“, so der Titel der Schau, auf die Mischung gesetzt.

Damit die Besucher den Arbeiten unvoreingenommen begegnen und sich selbst ein Urteil über die Qualität bilden, hängen die Ausstellungsmacher keine museumsüblichen Schildchen daneben. Alle Formen und Richtungen seien vertreten, betont Minor, von der Malerei über Objekte, Skulpturen, Video bis zu Installationen.

Und was die meisten Besucher sicher überraschen werde, ist er sich sicher: 80 Prozent der Künstler hätten einen Saarland-Bezug. Viele stammten von hier, was kaum jemand wisse, weil diese Künstler nicht mehr hier lebten. Sondern etwa in Hamburg oder, vor allem, in Berlin. Minor und Lotz haben sie aufgespürt und republikweit in ihren Ateliers besucht.

„Gerade die Etablierten sind auf unseren unkonventionellen Ausstellungsort angesprungen“, freut sich Lotz. Über ein Jahr haben die Zwei für ihr Großprojekt geackert, unterstützt von einer Handvoll junger Leute, und sind begeistert, dass sie so viel Unterstützung fanden. Die städtische Gesellschaft GIU hat ihnen die Sonderwerkstatt zur Verfügung gestellt und noch 500 Euro dazu, die HBK Saar die Versicherungs- und Transportkosten übernommen, die Autovermietung Buchbinder Sonderpreise gemacht, auch die Stuttgarter Stiftung „Kunst im Penthouse“ und das Kulturamt halfen mit.

Zur Eröffnung heute um 19 Uhr wird Patricia German, Saarferngas-Preisträgerin 2008, eine Performance machen, zur After-Show-Party geht es zum „Sektor Heimat“ am Römerkastell.

Beitrag vom: 27.08.2010, Saarbrücker Zeitung
Von SZ-Mitarbeiterin Silvia Buss


Die Schau „Step in the arena“ am Eurobahnhof

Wie schlägt man sich auf dem weiten Feld der Kunst? 26 unterschiedliche Ansätze sind in der Sonderwerkstatt am Eurobahnhof zu sehen: Malerei, Skulpturen, Videos, Performances

Saarbrücken. Künstlerische Vielfalt braucht Raum: Da bot sich das weitläufige Hallen-Areal am Saarbrücker Eurobahnhof als Ambiente eines ambitionierten Ausstellungsprojektes an, dessen Ausgangspunkt die Frage nach Strömungen und Möglichkeiten heutiger Kunst ist. Verknüpft war dies mit der Idee, “ je zur Hälfte die Arbeiten bereits etablierter Künstler und von Kunststudenten miteinander zu vereinen und verschiedene künstlerische Medien zusammenzubringen,“ so der Saarbrücker HBK-Student, Maler und Bildhauer Alexander Minor, der die Schau zusammen mit Johannes Lotz kuratiert hat. Die multinationale Begegnung der mittleren und jungen Generation mit Saarland-Bezug gibt den Blick auf eine lebendige Kunstszene der Gegenwart frei: Daniela Nadolleck, Kunststudentin aus Saarbrücken, etwa thematisiert in ihrer Video-Skulptur-Kombination die Gegenpole des Zerstörens und Reparierens eines Gegenstands als eine Art Kreislauf. In seiner Wandinstallation arbeitet Alexander Minor mit der Wirkung von Alltagsmaterialien und spontaner Formgebung: Segelartige Holzelemente mit glänzender Silberfolie bespannt, „klettern“ raumgreifend in die Höhe und stehen in spannungsreichem Kontrast zum kahlen Mauerwerk. Dagegen beschäftigt sich Johannes Lotz mit der Vielschichtigkeit der Malerei, changiert zwischen Bewusstem und Unbewusstem im Malprozess und spielt mit den Assoziationen. Etwas unterschwellig Apokalyptisches signalisiert das Bild eines Flüchtenden im Kontext bunter Farbigkeit.

Der Homburger Maler und Bildhauer Stefan Rinck vermischt in seiner Frauen-Skulptur aus Sandstein klassisch-traditionelle Anlehnungen mit der Popkultur und aktuellen Bezügen. Abstrakte Strukturen, fensterartige Form-und Raumverschränkungen, werden bei Francis Berrar mit dem Sinngehalt von stichwortartiger Schrift versehen. Die Saarbrücker Bildhauerin Shila Khatami ordnet zwei bunte Holzplatten mit Lochstruktur so an, dass sich je nach Betrachterposition der Gesamteindruck ändert: Neue Konstellationen und „Durchblicke“ tun sich auf. Gregor Hildebrandt arbeitet mit Materialien, die Kindheitserinnerungen wachrufen. In Trichterform gepresste Vinyl-Scheiben werden zu ineinandersteckbaren Elementen einer „Schallplattensäule“ umfunktioniert. Die Saarbrücker Malerin Andrea Neumann besticht mit einer stark abstrahierten Szenerie aus dem Kontext der Fabrikarbeit. Ihre figürlichen Andeutungen sind durch sparsame Farbgebung und Schemenhaftigkeit charakterisiert. Ganz anders HBK-Student Philipp Neumann: Seine originelle „Baby-Badewannen“-Installation ist eine Skulptur , mit der etwas „passiert“. Tritt man auf einen Fußschalter, so schäumt das Wasser-Seifengemisch in der Wanne hoch, um nach und nach wieder zusammenzufallen

In fünf bis zehn Jahren soll die Ausstellung mit allen Künstlern wiederholt werden, um eine Bilanz ihrer weiteren Entwicklung ziehen zu können. mz

Beitrag vom: 01.09.2010. Saarbrücker Zeitung

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s